Mittelschule

Die Haupt­schü­ler und Haupt­schul­leh­rer sind die Ver­ges­se­nen der Gesell­schaft.“

- Zitat einer Mit­tel­schul­leh­re­rin –

Für die Insti­tu­ti­on Mit­tel­schu­le und ihre Leh­re­rIn­nen ist ihr All­tag eine Her­aus­for­de­rung – den sie sich aber größ­ten­teils mit gro­ßem Enga­ge­ment, Kön­nen und Schaf­fens­freu­de wid­men. Aller­dings häu­fig unbe­merkt von der Gesell­schaft. Die­se feh­len­de Auf­merk­sam­keit, das ein­sei­ti­ge nega­ti­ve Image gibt Mit­tel­schü­le­rIn­nen wie Mit­tel­schul­leh­re­rIn­nen ein Gefühl der Ver­nach­läs­si­gung. Sie füh­len sich ver­ges­sen von der Gesell­schaft, als Men­schen, in dem, was sie sind und kön­nen. Durch die­ses Ver­hal­ten wer­den Fähig­kei­ten igno­riert, Res­sour­cen ver­schüt­tet. Das ist ein grund­sätz­li­cher Feh­ler, der einer gro­ßen Grup­pe von Men­schen Unrecht tut und den sich eine Gesell­schaft nicht leis­ten darf. Das ist zumin­dest die Über­zeu­gung von TIM, der Kirs­ten Schrick Stif­tung. Die Stif­tung will in einem eige­nen Buch, das 2019/2020 erscheint, den Blick auf das len­ken, was in den Mit­tel­schü­le­rIn­nen schlum­mert. Was sie jeden Tag leis­ten und noch zu leis­ten imstan­de sind. Die­se oft­mals ver­bor­ge­nen Res­sour­cen gilt es frei­zu­le­gen.“

- Dr. Kirs­ten Schrick, Stif­te­rin -

Die Vergessenen

Die Vergessenen

Wenn Peter Gru­ber* vor sei­ne Klas­se tritt, strahlt er Gelas­sen­heit und Selbst­si­cher­heit aus. Das braucht der Mit­tel­schul­leh­rer auch um alle sei­ne 26 Schü­ler zur Ruhe zu brin­gen. In der neun­ten Klas­se sind alle noch ein wenig ner­vö­ser. Am Ende des Schul­jah­res sol­len die jun­gen Leu­te schließ­lich einen Abschluss erwer­ben, der es ihnen ermög­licht ins Berufs­le­ben zu star­ten. Gru­ber lächelt. Er ist die­ses Ziel gewohnt, es belas­tet ihn nicht. Der 31-Jäh­ri­ge macht sei­ne Arbeit mit Freu­de und er kommt bei den Schü­lern an. Was ihn ärgert, ist häu­fi­ger die Betrach­tung von außen. Wenn ihn im Fit­ness­stu­dio jemand mit den angeb­lich so lan­gen Feri­en­zei­ten auf­zieht oder als Haupt­schul­leh­rer anspricht. Vor bald zehn Jah­ren wur­de die Haupt­schu­le in Bay­ern refor­miert und in Mit­tel­schu­le umbe­nannt. „Wenn es so eine Namens­än­de­rung mal am Gym­na­si­um gäbe, wüss­te das inner­halb eines Jah­res jeder“ sagt Gru­ber sar­kas­tisch. Die Mit­tel­schu­le aber kommt nicht häu­fig vor in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung und wenn, dann eher in Ver­bin­dung mit Begrif­fen wie „Brenn­punkt“, „Abge­häng­ten“ oder mit Gewalt­schil­de­run­gen. Dabei geht vor allem eines ver­lo­ren: Der Blick dafür, was Mit­tel­schü­ler alles kön­nen. Sie leis­ten täg­lich vie­le Din­ge, die sich der Bewer­tung eines strikt auf Lern­er­fol­ge aus­ge­rich­te­ten Schul­sys­tems ent­zie­hen. Sie erbrin­gen vie­le Leis­tun­gen wie selbst­ver­ständ­lich zuhau­se in der Fami­lie, sie betreu­en jün­ge­re Geschwis­ter, unter­stüt­zen die Eltern und orga­ni­sie­ren neben­her ihren All­tag zwi­schen Schu­le, Fami­lie, Freun­den, Berufs­ori­en­tie­rung und Selbst­fin­dung in der Puber­tät. Dabei ste­hen Mit­tel­schü­ler sta­tis­tisch gese­hen oft vor grö­ße­ren Her­aus­for­de­run­gen. Flo­ri­ans* Eltern zum Bei­spiel sind vor knapp 20 Jah­ren aus Süd­asi­en nach Deutsch­land gekom­men. Caros* Fami­lie stammt aus dem Koso­vo. Wie die meis­ten ihrer Klas­sen­ka­me­ra­den sind sie nicht mit Deutsch als Mut­ter­spra­che auf­ge­wach­sen. Wer aber im Eltern­haus­halt nicht täg­lich Deutsch spricht und hört, muss sich das Schrift­deutsch anders aneig­nen als Kin­der von Mut­ter­sprach­lern. Wer wie­der­um selbst in der Schu­le nicht Mathe, Deutsch und Eng­lisch erlernt und viel­leicht nicht das Geld für Nach­hil­fe hat tut sich schwer, sein Kind bei den Haus­auf­ga­ben zu unter­stüt­zen. Eben­so wer selbst viel arbei­tet, um die Fami­lie zu ernäh­ren und des­halb sel­ten daheim ist. Für die Insti­tu­ti­on Mit­tel­schu­le und ihre Leh­re­rin­nen und Leh­rer ist das alles eine gro­ße Her­aus­for­de­rung – der sie sich aber größ­ten­teils mit gro­ßem Enga­ge­ment, Kön­nen und Schaf­fens­freu­de wid­men. Aller­dings häu­fig unbe­merkt von der Gesell­schaft. Die­se feh­len­de Auf­merk­sam­keit, das ein­sei­tig nega­ti­ve Image gibt Mit­tel­schü­lern und ‑schü­le­rin­nen wie Mit­tel­schul­leh­rern und ‑leh­re­rin­nen ein Gefühl der Ver­nach­läs­si­gung. Sie füh­len sich ver­ges­sen von der Gesell­schaft, als Men­schen in dem was sie sind und kön­nen. Durch die­ses Ver­hal­ten wer­den Fähig­kei­ten igno­riert, Res­sour­cen ver­schüt­tet. Das ist ein grund­sätz­li­cher Feh­ler, der einer gro­ßen Grup­pe Men­schen Unrecht tut und den sich eine Gesell­schaft nicht leis­ten darf. Das ist zumin­dest die Über­zeu­gung von TIM der Kirs­ten Schrick Stif­tung. Die Stif­tung will den Blick auf das len­ken, was in den Mit­tel­schü­lern schlum­mert, was sie jeden Tag leis­ten und noch zu leis­ten im Stan­de sind. Die­se oft­mals ver­bor­ge­nen Res­sour­cen gilt es frei­zu­le­gen. Das Buch „Die Ver­ges­se­nen“ will des­halb den Fokus dar­auf legen, was Mit­tel­schu­len und Mit­tel­schul­leh­rer in Bay­ern täg­lich leis­ten und was Schü­lern und Schü­le­rin­nen die­ser Schul­form alles zuzu­trau­en ist. Wel­ches Poten­zi­al an Res­sour­cen in jedem ein­zel­nen Schü­ler steckt, lässt sich auch sozio­lo­gisch unter­mau­ern. Um die­se „Schät­ze“ zu ent­de­cken und zu heben, ver­die­nen die Schu­len und Leh­rer mehr Auf­merk­sam­keit und die Jugend­li­chen mehr Unter­stüt­zung. Denn jeder Jugend­li­che, gleich wel­chen Schul­ab­schluss er oder sie hat, so die Über­zeu­gung der Stif­tung soll sich wert­voll füh­len, soll selbst­be­stimmt leben kön­nen und auf die­se Wei­se die Gesell­schaft kraft­voll, kom­pe­tent und moti­viert mit­ge­stal­ten. Mit ihrer Arbeit hat die TIM Stif­tung bereits ers­te Bewei­se dafür erbracht wel­chen Effekt eine posi­ti­ve Zuwen­dung auf Mit­tel­schü­ler haben kann. TIM geht es dabei nicht dar­um von außen Hil­fen über­zu­stül­pen. Viel­mehr ver­sucht die Stif­tung von den Schü­le­rin­nen und Schü­lern, Leh­re­rin­nen und Leh­rern selbst zu ler­nen, denn sie sind Exper­tin­nen und Exper­ten ihres All­tags. In die­sem Buch kom­men „Die Ver­ges­se­nen“ selbst zu Wort.

Irmen­gard Gnau
*Die gekenn­zeich­ne­ten Eigen­na­men wur­den aus daten­schutz­recht­li­chen Grün­den geän­dert.

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